Weihnachten ohne Perfektionsstress: Wie du innere Ruhe findest – auch in Patchwork- und Trennungsfamilien
- Alina Rogalski

- 10. Dez. 2025
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 12. Dez. 2025
In vielen Familien reichen die Spannungen in dieser Zeit von hohen Ansprüchen bis hin zu echtem Familien- und Patchwork-Chaos.
Dieser Beitrag unterscheidet sich ein wenig von meinen sonstigen Texten, denn hier verbinde ich Fachimpulse mit Anregungen, die du nutzen kannst, aber nicht musst. In meinen Beratungen schildern mir Frauen wie Männer immer wieder hohen Leistungsdruck und das Gefühl, nur dann etwas wert zu sein, wenn sie funktionieren und alles perfekt erledigen. Genau deshalb widme ich mich in diesem Monat diesem Thema.

Vielleicht kennst du die Situation: Weihnachten steht bald vor der Tür und der Stress in dir wächst. Oft startet das bereits Wochen im Voraus, weil du dich um Geschenke, Menüpläne für die Festtage, das Einpacken, Weihnachtschrömli, Tischdekoration, Haushalt und das eigentliche Festessen kümmerst.
Schon nach diesen Zeilen spüren manche Leserinnen und Leser, wie der Sympathikus, ein Teil des vegetativen Nervensystems im Überlebensmodus, aktiv wird.
Nimm dir einen Moment Zeit und halte inne. Musst du wirklich alles perfekt organisieren und jedes Jahr aufs Neue leisten? Willst du diese Rolle in dieser Form? Für wen tust du das alles – für dich, für andere oder für eine Mischung aus beidem?
Vielleicht meldet sich auch eine innere Stimme, dein inneres Kind, das dir zuflüstert: Du weisst doch, wenn du das nicht tust, wirst du nicht geliebt, nicht gesehen, nicht anerkannt, bekommst kein Lob.
In solchen Momenten fühlst du dich schnell wertlos, unsicher, ängstlich oder nicht wertgeschätzt. Solche Gefühle begleiten dich vermutlich schon lange, nicht wahr?
Wer ist dein inneres Kind? Glaubst du, hast du schon bewusst Kontakt damit aufgenommen? Und wie oft taucht dieser innere Anteil deiner Einschätzung nach in deinem Alltag auf, etwa einmal im Monat, alle zwei Wochen oder einmal pro Woche?
Ein kleiner Hinweis: Du begegnest deinem inneren Kind täglich. Dahinter stecken deine Prägungen, Werte und Erfahrungen aus der Kindheit, die deine Haltung und deine Verhaltensweisen über viele Jahre hinweg geformt haben.
Vielleicht stehst du bereits in einem inneren Dialog mit diesem Kind oder ihr seid dabei, euch Schritt für Schritt anzunähern und diesen Anteil in dir anzunehmen.
In einem späteren Blogbeitrag gehe ich noch vertieft auf das Thema inneres Kind ein, schau also gern regelmässig vorbei.
Übung für stressige Momente
Für Situationen, in denen der Druck stark ansteigt, möchte ich dir eine einfache Atemübung mitgeben.
Setz dich bequem hin oder lege dich hin und richte dir einen Ort ein, an dem du dich wohlfühlst. Versuche, deinen Körper zu entspannen, und stell dir vor, du seist so leicht wie eine Feder. Wenn du magst, kannst du leise, beruhigende Musik dazu hören. Diesen Schritt empfehle ich dir allerdings erst, wenn du etwas geübter bist, damit deine Aufmerksamkeit zunächst ganz beim Atem liegt.
Jetzt atme für 4 Sekunden tief durch die Nase ein, halte den Atem für 7 Sekunden an und atme danach hörbar für 8 Sekunden durch den Mund aus. Wiederhole diesen Ablauf mindestens 3-mal hintereinander. Am Anfang braucht diese Technik etwas Übung. Die 4-7-8-Methode unterstützt dich in Stresssituationen dabei, dein Nervensystem zu beruhigen. Probier es aus und beobachte, ob du dich danach ruhiger fühlst.
Diese Atemfolge lässt sich gut in den Alltag integrieren, auch eher unauffällig, etwa im Büro, in der Schlange an der Kasse oder im Auto an einer roten Ampel. Kinder können sie vor Prüfungen anwenden, um sich zu sammeln. Jedes Mal, wenn du bemerkst, dass du in eine belastende Situation gerätst, richte deine Aufmerksamkeit für einige Atemzüge genau auf diesen Ablauf.
Was kannst du tun, um dich entspannter auf die Festtage vorzubereiten?
Weniger ist mehr!
So simpel, oder vielleicht doch nicht?
Frag dich zum Beispiel: Ist es wirklich nötig, ein 4-Gang-Menü zu kochen? Wie wäre es, deine Gäste zu bitten, dass jeweils eine Person einen Gang mitbringt? Kannst du dir vorstellen, diese Entlastung zuzulassen?
Braucht es mindestens 10 Sorten Weihnachtschrömli oder würden 4 Sorten völlig ausreichen? Wäre es ein Problem für dich, den Teig einmal zu kaufen, statt alles selbst zu machen, oder taucht sofort die innere Stimme auf, die dir einredet, du seist dann faul?
Vielleicht reicht eine etwas schlichtere Tischdekoration genauso aus. Du kannst zum Beispiel schon ein paar Wochen vorher mit deinen Kindern einfache Elemente basteln oder ihr legt ein paar Nüsse, Schokolade und Mandarinen auf den Tisch, oft entsteht so eine warme, einladende Atmosphäre.
Müssen Geschenke fantasievoll und aufwendig verpackt sein oder genügt Packpapier mit einer einfachen Schleife?
Und wie sieht es mit den Weihnachtstagen vom 24. bis 26. Dezember aus? Müssen alle Termine dicht gefüllt sein oder lässt sich ein Teil der Besuche auf andere Daten im Dezember oder Januar verschieben?
Eine weitere Möglichkeit wäre, eine Waldhütte oder einen Raum zu mieten, die gesamte Verwandtschaft einzuladen, gemeinsam zu dekorieren, ein Mitbringbuffet zu gestalten und am Schluss zusammen aufzuräumen. Solche Erlebnisse gehen vielen Menschen lange nach und stiften ein intensives Gemeinschaftsgefühl.
Versteh mich bitte nicht falsch, ich möchte dir nicht vorschreiben, wie du Weihnachten feiern sollst. Mir geht es darum, den Druck zu reduzieren und dir zuzusprechen, dass du wertvoll bist und Wertschätzung erfährst, auch wenn du einmal weniger machst. Du bist ein wunderbarer Mensch, und ich nehme wahr, wie viel du leistest. Dass Veränderungen von Gewohnheiten anstrengend sind, ist mir sehr bewusst. Wenn du jedoch keinen Versuch wagst, verändert sich nichts. Falls du im Moment keinen inneren Impuls für Veränderung spürst, darf auch erst einmal alles so weiterlaufen wie bisher.
Und falls doch ein blöder Kommentar auftaucht, kannst du der betreffenden Person vorschlagen, im nächsten Jahr diesen Teil der Organisation zu übernehmen. Seien wir ehrlich: In fast jeder Familie gibt es einen solchen Verwandten. Lass dich davon nicht provozieren und atme tief durch.
Zum Schluss noch ein Gedanke: Du bist nicht faul, wenn du beim Vorbereiten und Aufräumen Unterstützung annimmst. Je mehr Menschen mithelfen, desto mehr gemeinsame Zeit entsteht mit- und füreinander.
Trennungs- und Patchworkfamilien
Wie gestaltet sich all das in Trennungs- und Patchworkfamilien?
In meinem Praxisalltag arbeite ich mit Eltern, die getrennt sind, und mit Patchworkfamilien. Rund um die Weihnachtszeit tauchen bei angespannten Verhältnissen häufig Fragen auf: Wie lässt sich die Zeit in der Trennungsphase regeln, wie geht der neue Partner oder die neue Partnerin mit der Situation um, wie lassen sich Ex-Partnerin bzw. -Partner und gesamte Familiengefüge an den Festtagen unter einen Hut bringen?
Ein solcher Rahmen ist oft herausfordernd, mit guter Planung lassen sich jedoch viele Stolpersteine reduzieren.
Kinder und Jugendliche brauchen in dieser Zeit besondere Zuwendung, natürlich ihrem Alter entsprechend. Viele Erinnerungen an die gemeinsame Advents- und Weihnachtszeit hängen an Ritualen. Nimm dir Zeit, mit ihnen über Gefühle zu sprechen, höre zu und nimm ihre Sicht ernst.
Plant frühzeitig miteinander, wer mit wem, wo und wann feiern wird, und teilt diese Abmachungen euren Kindern mit. So entsteht Orientierung und Sicherheit.
Lasst eure Kinder an der Weihnachtsplanung mitwirken und mitentscheiden, damit das Fest für alle Beteiligten möglichst angenehm verläuft. Sprecht darüber, wann ihr esst und was auf den Tisch kommt, ob es Spiele gibt und wann ihr die Geschenke überreicht.
Weshalb lohnt sich eine so genaue Planung? Je nach Vorgeschichte kann die Stimmung kippen, wenn etwas völlig unerwartet geschieht. Überlegt euch deshalb gut, ob Überraschungen für den neuen Partner oder die neue Partnerin in Anwesenheit der Kinder passend sind, etwa romantische Gesten, die die neue Liebe stark hervorheben.
Elternschaft endet nicht mit der Trennung. Überlegt euch daher gut, ob ein gemeinsames Feiern sinnvoll erscheint. Je nach Alter der Kinder kann genau das die Hoffnung verstärken, dass die Eltern wieder zusammenfinden. Viele Kinder setzen dann viel Energie ein, um zwischen beiden Eltern zu vermitteln, und erleben eine grosse Enttäuschung, wenn dieser Wunsch sich nicht erfüllt. Besprecht gemeinsam, ob und in welcher Form ihr als getrennte Eltern überhaupt gemeinsame Feste gestalten möchtet.
Denkt ausserdem darüber nach, ob ihr mit neuer Partnerin oder neuem Partner und den Kindern oder Jugendlichen feiern wollt, wenn die Trennung noch sehr frisch ist oder die Kinder diese Person noch kaum kennen und noch nicht akzeptieren. In dieser Phase reagieren viele Kinder sehr verletzlich, und Weihnachten gilt für Kinder wie Jugendliche als vertrautes, fast heiliges Familienritual. Dass nun ein neuer Partner oder eine neue Partnerin an der Seite eines Elternteils auftaucht oder eine frühere Rolle einnimmt, kann sich für sie sehr schwierig anfühlen.
Sprecht euch ab, wer welches Geschenk zu Weihnachten überreicht, damit kein Konkurrenzkampf entsteht, in dem um die Gunst des Kindes gebuhlt wird.
Die Loyalität eines Kindes sollte nicht ausgenutzt werden. Kein Kind soll sich zwischen Vater oder Mutter entscheiden müssen, dieser Punkt hat hohe Bedeutung. Redet deshalb in Gegenwart eurer Kinder nicht abwertend über den jeweils anderen Elternteil oder dessen Partnerin bzw. Partner.
Fragt eure Kinder nicht aus über die Feier beim Ex-Partner oder bei der Ex-Partnerin. Kinder dürfen frei erzählen, was sie erlebt haben. Auch wenn es dir wehtut zu hören, dass der Ex-Partner oder die neue Partnerin ein schönes Fest mit deinem Kind verbracht hat, halte deine eigenen Gefühle möglichst zurück und lass diese Emotionen nicht ungefiltert vor deinem Kind heraus. Kinder nehmen sehr viel wahr, auch wenn niemand darüber spricht. Es lohnt sich daher, die eigene Haltung zu diesem Thema immer wieder zu prüfen, damit entlastest du dein Kind.
Vielleicht bist du an Weihnachten allein und schon der Gedanke daran löst Angst aus. In diesem Fall kannst du in der Verwandtschaft oder im Freundeskreis nachfragen, ob du bei jemandem mitfeiern darfst. Eine andere Möglichkeit besteht darin, dir eine kurze Auszeit an einem Ort zu gönnen, an dem du dich mit einer vertrauten Person zurückziehen kannst.
An den neuen Partner oder die neue Partnerin
Auch du spürst vermutlich den Wunsch, mitzufeiern. Halte dich bitte dennoch etwas zurück und dränge dich nicht in den Vordergrund. Frage deine Partnerin oder deinen Partner, ob du ein Geschenk mitbringen kannst und welches. Rechne damit, dass ein Kind oder ein Jugendlicher dieses Geschenk unter Umständen nicht annehmen mag. Das hat nichts mit deiner Person zu tun, die Ursache liegt meist im Schmerz über die Trennung der Eltern und in den damit verbundenen Verletzungen.
Du darfst Teil dieser Weihnachtsfeier sein und mitfeiern. Achte auf die Stimmung, beobachte, wie es den Kindern geht, und reagiere einfühlsam auf deine Wahrnehmungen.
Möchtest du Unterstützung in Anspruch nehmen?
Hast du Fragen rund um das Thema Trennungen oder Patchworkfamilien? Beschäftigt dich die kommende Weihnachtszeit? Erlebst du Konflikte oder Alltagsherausforderungen in dieser Thematik und wünschst dir Unterstützung?
Ich lebe selbst in einer Patchworkfamilie mit einem gemeinsamen Kind und kann in meiner Arbeit auch Erfahrungen aus dieser Rolle als Peer einbringen. Wenn du möchtest, fülle das Kontaktformular aus. Dann klären wir in einem bis zu 15-minütigen kostenlosen Telefonat, ob ich dich oder euch ein Stück auf eurem Weg begleiten kann.

Herzlich,
Linda Huber


